Was Stellenanzeigen verraten

Das „richtige“ Lesen und Analysieren von Stellenanzeigen ist ein wichtiger Schritt zu Beginn eines Bewerbungsprozesses. Sie legen zu diesem Zeitpunkt fest, ob Sie sich überhaupt auf die von Ihnen ausgesuchte Position bewerben wollen oder können.

Warum sollten Sie nach dem „Wollen“ fragen?

Ist das wirklich ein Unternehmen bzw. eine Branche, in der Sie in den nächsten Jahren Ihr Geld verdienen wollen? Denken Sie, dass Sie Freude an dieser Tätigkeit haben werden und sind Sie sich Ihres Erfolges sicher? Sie sollten sich bei dieser Entscheidung bewusst machen, dass sich der Arbeitsmarkt für die Bewerber in den letzten Jahren deutlich verbessert hat.  Man muss nicht mehr bedingungslos jeden Job annehmen und dann mit zusammengebissenen Zähnen jede Arbeitswoche beginnen.

Warum sollten Sie nach dem „Können“ fragen?

Falls die Anforderungen und Ihr berufliches Können zu weit auseinander liegen, ist es sehr unwahrscheinlich, dass Sie in die Bewerberauswahl aufgenommen werden. Dann sollten Sie sich lieber Zeit und Mühe sparen, statt eine aussichtslose Bewerbung zu starten.

Noch wichtiger ist aber, dass Sie sich nicht zusätzlichem Stress aussetzen. Jeder Mensch setzt Hoffnungen in eine Bewerbung und reagiert bei einer Absage enttäuscht. Und es gibt Phasen in Ihrem „Bewerbungsmarathon“, da können Sie keine zusätzliche Enttäuschung gebrauchen, um nicht in eine mentale „Spirale nach unten“ gezogen zu werden.

Es gibt noch einen weiteren Grund aus Sicht der Personalverantwortlichen: Mit Ihrer Bewerbung geben Sie ein Statement ab, Sie haben schon einen ersten Eindruck beim Unternehmen hinterlassen. In diesem Fall haben Sie signalisiert, dass Sie sich schlecht einschätzen können. Schreibt die Firma später eine Position aus, die deutlich besser zu Ihnen passt, sind Sie schon mit einem Makel behaftet.

Sind Sie aber nach diesen Überlegungen sicher, sich bewerben zu wollen, dann nehmen Sie sich ausreichend Zeit zum Lesen der Anzeige. Denn auch Sie können aus der Stellenbeschreibung eine Menge an Informationen über das Unternehmen entnehmen.

Unabhängig vom konkreten Layout trifft jede Anzeige Aussagen zu folgenden drei Schwerpunkten:

  • Welchen Aufgaben sind in der Position zu bewältigen?
  • Welche Voraussetzungen sieht man als notwendig für die Aufgabenerfüllung an?
  • Was bietet das Unternehmen dem Bewerber?

Der Anzeigentext ist für Sie als Bewerber unter anderem ein Indikator dafür, wie das Unternehmen an die Besetzung der Position herangeht.

  • Hat man klare Vorstellungen davon, wen man wirklich braucht?
  • Wie konkret sind die Aufgaben beschrieben?
  • Gibt es eindeutige Informationen zu den beruflichen Voraussetzungen?
  • Wie wichtig ist die Berufserfahrung?
  • Oder ist die Anzeige eher ein Sammelsurium von Idealvorstellungen?

Grundsätzlich können Sie zwei Arten von Anzeigen unterscheiden.

Es gibt einerseits die „offenen“ Anzeigen, hier wird der zukünftige Arbeitgeber konkret veröffentlicht.

Die zweite Gruppe sind die „verdeckten“ Anzeigen. In diesen Annoncen wird der Auftraggeber nicht genannt, sondern meist mit „Mandant“ oder ähnlichen Begriffen umschrieben.

Warum gibt es überhaupt diese zweite Kategorie?

Eine verdeckte Stellenausschreibung muss nicht prinzipiell einen negativen Hintergrund haben. Als Bewerber werden Sie aber auf mögliche Probleme hingewiesen, nach denen Sie auch fragen können und sollten. Typische Ursachen für eine verdeckte Stellenausschreibung sind:

  • Der Stelleninhaber soll nichts von einer Neubesetzung wissen
  • Die Belegschaft soll nichts von geplanten personellen Veränderungen erfahren
  • Das Unternehmen möchte sich neu am Markt positionieren
  • Der Wettbewerb soll nicht aufmerksam gemacht werden
  • Die Kunden sollen nicht verunsichert werden

Aber es kann auch sein, dass man die im Artikel „Wo finde ich meinen Traumjob?“ beschriebene Problematik von zu häufigen Stellenbesetzungen verschleiern will!

Mir persönlich sind die „offenen“ Anzeigen immer lieber. Ich kann als Personalvermittler deutlicher beschreiben, was ich konkret von Bewerber erwarte. Gerade in kleinen Branchen muss man sich bei „verdeckten“ Anzeigen hinter sehr verallgemeinernden Floskeln verstecken, um das Unternehmen nicht zu „enttarnen“. Das kann dann manchmal fast bis zur Unkenntlichkeit der Position führen und zieht erfahrungsgemäß sehr lange und komplizierte Telefonate mit interessierten Bewerbern nach sich.

Eine verdeckte Anzeige sollte für Sie immer ein Anlass sein, besonders gründlich zu recherchieren und über Ihr „Wollen“ für eine Bewerbung nachzudenken.

Nachdem Sie diese Fragen für sich geklärt haben, geht es an die harten Tatsachen. Hier erlebe ich Bewerber häufig wenig selbstbewusst in der Einschätzung Ihrer persönlichen Eignung. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Sie sollen sich keinesfalls überschätzen oder in Positionen „hineinschwindeln“. Aber auf der anderen Seite formulieren die Unternehmen natürlich erst einmal ihre Maximalforderungen, die sie an einen idealen Kandidaten stellen.

Ihre Aufgabe ist die Abwägung, ob sie der Stelle gerecht werden können.

Dazu denken Sie sich einfach die Aufgabe hinein und stellen sich vor, wie Sie die Probleme lösen würden. Versuchen Sie zu verstehen, welche Kernkompetenzen die Arbeitsaufgabe erfordert. Sie merken bei diesen Überlegungen auch, ob Sie genug von dem Aufgabengebiet verstehen. Ist dies nicht der Fall, werden Sie dort auch nicht arbeiten können.

Wenn Sie aber eine klare Vorstellung davon haben, können Sie schon Ihre Argumente sammeln, mit welchen Ihrer Erfahrungen Sie die Aufgabe lösen würden. Das hilft Ihnen beim Schreiben der Bewerbung und ist zugleich schon eine gute Vorbereitung für das Telefoninterview bzw. das Vorstellungsgespräch.

Ich möchte solch eine Gedankenkette einmal an einem allgemeinen Beispiel illustrieren, welches in der Praxis ein recht häufiger Stolperstein ist – die Sprachkenntnisse. Vergleichbar sollten Sie mit allen anderen Themen, wie z.B. EDV-Kenntnisse, Berufsabschlüsse oder Berufserfahrungen umgehen.

Mein Beispiel:

Nicht selten lesen Sie Formulierungen wie  „…. wir erwarten sichere Englischkenntnisse“

Was heisst das für Sie, wie „sicher“ sind Ihre Englischkenntnisse?

Schauen Sie sich diese Forderung im Kontext mit der ausgeschriebenen Position an:

A) Man möchte einen Einkäufer einstellen – In einer solchen Funktion müssen Sie verhandeln, da geht es ins Detail, alles wird schriftlich in Verträgen fixiert, Ihre Fehler können dem Unternehmen viel Geld kosten. Wenn Sie diese Prozesse nicht sicher in Englisch bewältigen können – dann lassen Sie die Finger von dieser Bewerbung. (Nebenbei gesagt, ich hätte „verhandlungssichere Sprachkenntnisse“ gefordert)

B) Sie sollen als Servicetechniker eingestellt werden – In einer solchen Position muss man sich fachlich mit anderen Mitarbeiten verständigen können. Man hat dazu aber technische Unterlagen (manchmal auch die Hände und Füße). Sie sehen die Reaktionen Ihres Gegenüber und können entsprechend korrigieren. Oft ist der Ansprechpartner im Kundenunternehmen auch kein „Native Speaker“, er wird in seinen Aussagen also auch vorsichtig sein. Nach der Arbeit müssen Sie in der Lage sein, sich bei einem Auslandsaufenthalt vom Unternehmen zum Hotel „durchzuschlagen“. Und am Abend wollen Sie natürlich noch in ein Restaurant gehen und die Stadt kennenlernen. Wenn Sie einschätzen, dies alles auf Englisch zu können – dann sollten Sie Ihre Bewerbung schreiben.

C) Können Sie aus dem Kontext der Stelle überhaupt keinen Bezug zu den Sprachkenntnissen erkennen, dann will die Firma wahrscheinlich für die Zukunft gewappnet sein. Selbst kleinere Unternehmen haben heute internationale Kundschaft, Fachartikel erscheinen in englischer Sprache und für eine Willkommens-Kultur bedarf es eines Minimums an Sprachkenntnissen. Das sollten Sie doch alles hinbekommen!?

Wie an diesem häufig vorkommenden Beispiel der Sprachkenntnisse beschrieben, müssen Sie jede der fachlich relevanten Anforderungen mit Ihrem Spezialwissen analysieren. Sollten Sie sich einmal sehr unsicher sein, stehe ich Ihnen gern mit meiner persönlichen Meinung zur Verfügung!

In der kommenden Woche möchte ich noch einmal zu einigen sehr grundsätzlichen Karriereüberlegungen schreiben, die Sie an den Anfang Ihres Bewerbungsvorhabens stellen sollten. Anschließend beginnen die Themen der konkreten Umsetzung, in der übernächsten Woche schreibe ich daher über den „perfekten“ Lebenslauf.

Bis dahin viel Erfolg bei Ihren Bewerbungen und – „Scheitern ist keine Option“!

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