Persönliches in Bewerbungsunterlagen – Booster oder Karrierekiller?

Persönliches in Bewerbungsunterlagen - Hobbys

Ich möchte heute einleitend zwei Begebenheiten beschreiben, die ich persönlich in meiner Bewerbungspraxis erlebt habe.

In der ersten Situation gehörte ich selbst zu den handelnden Personen.

Anfang der 90er Jahre musste ich mich beruflich neu orientieren. Nach vielen schriftlichen Bewerbungen erhielt ich endlich erste Einladungen zu Vorstellungsgesprächen. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, es war auf alle Fälle nicht mein erstes Vorstellungsgespräch, aber viel „Praxis“ hatte ich noch nicht. Wie häufig in solchen Fällen, wurde man in ein Hotel eingeladen, in dem die Gespräche und einige Assessment-Übungen durchgeführt wurden. In den Pausen kam ich mit meinen „Leidensgefährten“ ins Gespräch. Da mehrere Positionen deutschlandweit zu besetzten waren, sahen wir uns weniger als Konkurrenten, sondern versuchten eher voneinander zu lernen. Wir waren so kurz nach der Einführung der Marktwirtschaft auch am Arbeitsmarkt alle noch blutige Anfänger im Verhalten bei Vorstellungsgesprächen. Und so wurde natürlich jeder, der aus den Räumen kam, sofort ausgefragt: „Wieviel Leute sitzen drin?“, „Wer stellt welche Fragen?“; „Kann man etwas aus den Gesichtern herauslesen?“ so weiter.

Einer der Bewerber kam schon nach recht kurzer Zeit wieder heraus und wirkte ziemlich entspannt. „Und, was war? Erzähl mal!“ – „Ach, dass war alles garnicht so schlimm!“ antwortete er „Ich hatte ziemlich am Anfang erwähnt, dass ich in der Kreisklasse Fußball spiele. Da outete sich der Personalleiter sofort als Fussballfan. Wir haben fast die ganze Zeit nur darüber gesprochen, erst zum Schluss hat er mich noch nach meinen Gehaltswünschen und meinem möglichen Startzeitpunkt gefragt. Die anderen zwei Personen kamen gar nicht zu Wort, die wollten Ihren Chef nicht stören. Einen Vertrag wollen sie mir in der kommenden Woche zuschicken.“

Das zweite Begebenheit erlebte ich Mitte der 2000er Jahre.

Mein Unternehmen führte damals zusammen mit der Personalabteilung eines Konzerns Bewerberauswahlen durch. Auch hier wurden nach einigen Einzel- und Gruppenübungen individuelle Vorstellungsgespräche geführt. Die Gruppen waren gemischt mit Personalverantwortlichen des Konzerns und meines Personaldienstleister besetzt. Nach einigen Gesprächsrunden merkte ich, dass einer der Konzernvertreter zum Abschluss gern nach den Hobbys fragte. Viele Bewerber waren nach so einer Frage erleichtert und kamen freudig ins Erzählen. Einige mussten aber erst nachdenken und quetschten sich dann ein „ich fahre gern Fahrrad“ heraus. Nach dieser Antwort kamen sofort konkrete Nachfragen: „Wie häufig machen Sie denn Radtouren? Wie lang sind diese? Welche Ziele steuern Sie an?“

In einer Pause unterhielten wir uns über diese Fragen und die typischen Antworten. Der Unternehmensvertreter sagte ganz deutlich: „Wenn der Bewerber nicht sofort weiß, für was er sich neben dem Beruf begeistert, ist er für mich nicht interessant. Ich suche Menschen, die „über den Tellerrand hinausschauen“. Und wenn ein Kandidat nichts weiter als „Fahrradfahren“ einfällt, dann ist es meist der letzte Versuch, überhaupt etwas aufzuzählen. Nur wenn er mir eine Geschichte dazu erzählen kann, glaube ich ihm, dass er sich dafür begeistert“.

Ich denke, jeder von Ihnen hat etwas, für dass er sich außerhalb seines Berufes begeistert.

Etwas, in das Sie Zeit, Kraft, oft auch (viel) Geld stecken. Sie entspannen sich dabei und erweitern Ihren Horizont, was auch der Qualität Ihrer Arbeit zugute kommt.

Leider ist das Thema Persönliches in Bewerbungsunterlagen das wahrscheinlich unsicherste Terrain, auf das man sich im Bewerbungsprozess begibt. Denn hier spielen die individuellen Meinungen der Entscheider eine entscheidende Rolle, und diese können zum gleichen Fakt ganz verschieden sein.

Der Kollege aus dem ersten Beispiel hatte mit Fußballspielen Glück. Genauso kenne ich Personalverantwortliche, die bei Fußball sofort an häufige krankheitsbedingte Ausfälle oder an Bierkästen in verrauchten Vereinsheimen denken.

Wenn Ihnen jemand mit solch einer Meinung gegenübersitzt, erreichen Sie mit Ihrer Begeisterung leider genau das Gegenteil.

Was kann man als Bewerber machen, um möglichst gut zu punkten?

Recherchieren Sie im Vorfeld über das Unternehmen bzw. die angekündigten Gesprächspartner:

  • Was kann Ihnen der Kollege sagen, der Ihnen die Stelle empfohlen hat?
  • Was weiß Ihr Netzwerk?
  • Welche sozialen oder sportlichen Aktivitäten sponsert das Unternehmen?
  • Hat es den Ruf, eher sehr konservativ zu sein oder haben Sie den Eindruck, dass man Neues fördert?
  • Welche Hobbys hat der Gesprächspartner bei XING, LinkedIn …angegeben?

Hier noch eine Hitparade der Fettnäpfchen:

Sie wollen als ganz aktive Person erscheinen und zählen von Klavierspielen bis Triathlon zuviel Aktivitäten auf:

„Hat dieser Mensch dann überhaupt noch Kraft und Interesse für die Arbeit in meinen Unternehmen?“

Sie geben ein Hobby an, um überhaupt etwas zu schreiben:

Kennen Sie sich wirklich aus? Was antworten Sie, wenn Sie nach Details gefragt werden, zum Beispiel „nach den Helden in dieser Szene“?

Sie wollen den Helden geben und betonen Ihre Aktivitäten in Sportarten wie Freeclimbing, Skydiving o.ä.

„Hilfe, mein Krankenstand!“

Abschließend noch einige Themen, zu denen Sie sich in der Regel überhaupt nicht direkt oder indirekt äußern sollten:

Politik

Ausnahme: Sie bewerben sich für die Mitarbeit in einer politische Partei oder einen Verband

Religion

Hier gilt das Gleiche wie bei der Politik. Nur bei der Bewerbung für eine Funktion in einer kirchlichen Einrichtung kann man von Ihnen eine Positionierung erwarten.

Zu beiden Punkten, Politik wie Religion, kann man von Ihnen auch im Vorstellungsgespräch keine Stellungnahmen verlangen. Hier schützt Sie Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz.

Zusammenfassen möchte ich das Thema Persönliches in Bewerbungsunterlagen wie folgt:

Moderne Unternehmen wünschen sich Mitarbeiter, die engagiert und vielseitig interessiert sind. Die Beschäftigung mit Themen abseits der Arbeit bringt oft neue Impulse und Sichten in diese mit ein. Sport wird in der Regel als Mittel der Gesund-Erhaltung und des mentalen Ausgleichs geschätzt.

Aber – bei allem Engagement muss die Arbeit im Zentrum des Interesses bleiben und darf nicht zum Hobby werden!

Mit diesem Beitrag schließe ich den Komplex der Bewerbungsunterlagen ab. Sie haben mit Ihren Bewerbungsunterlagen die andere Seite überzeugen können. Daher lade ich Sie in der kommenden Woche zum Telefoninterview ein.

Bis dahin eine  gute Zeit, viel Erfolg in allen Ihren Unternehmungen und

„Scheitern ist keine Option“

2 thoughts on “Persönliches in Bewerbungsunterlagen – Booster oder Karrierekiller?

  1. Ich finde die Frage ‚Wie verbringen Sie Ihre Freizeit ?‘ gehört in jedes ernst gemeinte Interview, da die Anwort viel über den Bewerber aussagt und beiden Partnern eine persönliche Ebene zur Kommunikation bietet.
    Schlimm finde ich – und das gilt nicht nur für diese Frage – wenn Menschen mit Vorurteilen an die Sache gehen und damit diese Chance vergeben.
    Dies gilt für den Interviewer: „Oh, Mann. Motorradfahrer…“
    Wie für den Kandidaten: „Wieviel darf ich rauslassen ohne als riskant oder langweilig dazustehn ?“
    Natürlich gibt es Jobs, die mit bestimmten Hobbies nicht kompatibel sind. Aber der Fußballer, der jedes Wochenende Punktspiel hat, wird sich kaum als Auslandsmonteur bewerben, ohne die Konsequenzen abzuzwägen.

    1. Vielen Dank für Ihren Beitrag! Wie ich versucht habe darzustellen, ist es eben sehr schwierig, im Vorfeld herauszufinden, wie der Gegenüber über meine Hobbys denkt. Ich denke, man sollte trotz des Wunsches, erfolgreich im Gespräch zu sein, authentisch bleiben.

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