„Alte Industrien“ – Die Logistik zählt bestimmt nicht dazu!

Die Logistik ist eine schnelle Branche

Die Logistik ist eine schnelle Branche

An einem Morgen 06:00 Uhr im Herzen der Lausitz. Es ist noch dunkel, aus allen Richtungen rollen Autos an. Die Disponenten und Mitarbeiter der Frühschicht beginnen mit ihrer Arbeit.

Ich bin in der Zentrale der REINERT Logistic GmbH & Co. KG. In Vorbereitung eines gemeinsamen Projektes ist es mir wichtig, die eingesetzte Technik und die Arbeitsabläufe in einem modernen Logistik-Unternehmen kennenzulernen.

Logistik – da denken die meisten Menschen an die LKW-Schlange auf der rechten Spur der Autobahn. An überfüllte Raststätten am Abend oder an Feiertagen. An einsame LKW-Fahrer in abgelegenen Gewerbegebieten, die sich im Fahrerhaus ihr Abendbrot machen und auf einem kleinen Bildschirm fernsehen. Stimmt (leider) auch.

Logistik ist aber auch, dass wir früh um sieben Uhr schon frisches Obst im Supermarkt kaufen können. Das wir auf der Couch liegend ein Buch bestellen können und murren, wenn es nicht schon am nächsten Tag geliefert wird. Das man sich 8 Paar Schuhe bestellen kann, von denen man 7 Paar wieder zurücksendet. Das wir beim Autokauf unter mehreren hundert Ausstattungsvarianten wählen können und trotzdem nur einige Wochen Wartezeit haben.

Viel weniger Menschen wissen, welche hochentwickelten Systeme in Betrieb genommen werden müssen, um uns dieses angenehme Leben zu ermöglichen. Der Arbeitsplatz eines Disponenten in einer modernen Spedition ist heute vergleichbar dem eines Börsenmaklers – mehrere Bildschirme, Computer, Papier nur noch für eilige Notizen. Die Gegenseite, das Cockpit des LKW-Fahrers, ist ähnlich technisch aufgerüstet. Displays, elektronischer Fahrtenschreiber, Funktelefon, Trackingsysteme für die Fahrzeugdaten, vergleichbar den Datenschreibern, wie wir sie aus Flugzeugen kennen.

Für einen Außenstehenden kann man die ablaufenden Prozesse wie folgt skizzieren:

Die Fahrer melden sich morgens elektronisch beim Disponenten an, sie sind bereit für den Arbeitstag. In Abhängigkeit vom Frachttyp betreuen die Disponenten bis zu 20 Fahrzeuge. Haben die Fahrer noch keine Aufträge, senden die Disponenten diese über das Datenübertragungssytem ins Fahrzeug. Dem Disponenten dabei wird die Strecke und damit zugleich die voraussichtliche Zeit bis zur Ankunft angezeigt. Eventuelle Staus oder Umleitungen werden mit berücksichtigt. Der Fahrer erfährt mit diesem Fahrauftrag, wann, wo und bei wem er sich mit der Fracht melden muss. In großen Logistikzentren werden wie auf Flughäfen sogenannte „Slots“ vergeben. Das sind Zeitfenster, in denen man Zugang zur zugewiesenen Laderampe hat. Bleibt der LKW im Stau stecken und kann daher dieses Zeitfenster nicht einhalten, wird dies dem Disponenten angezeigt und er kann mit dem Auftraggeber verhandeln.

Parallel zum laufenden Geschäft müssen sich die Disponenten um die nächsten Aufträge kümmern. Dazu stehen ihnen unternehmensinterne Datenbanken wie auch branchenweite Frachtenbörsen zu Verfügung. Denn nur ein Fahrzeug, was mit Fracht(!!!) rollt, bringt dem Unternehmen Gewinn und sichert die Arbeitsplätze.

Moderne Unternehmen wie die REINERT Logistic GmbH & Co. KG geben sich nicht damit zufrieden, nur auf die Auslastung der Lastkraftwagen zu achten. Ein Tankmanagement-System vergleicht ständig die aktuellen Dieselpreise in der Umgebung des Fahrzeuges mit der verbleibenden Reichweite des LKW und findet den wirtschaftlich optimalen Zeitpunkt zum Nachtanken. Über ein Fahrerassistenz-System kann der Fuhrparkleiter einschätzen, ob der Fahrer einen optimalen Fahrstil einhält. Neben dem kaufmännischen Aspekt auch ein wichtiger Faktor für den Umweltschutzes. Unerfahrenen Fahrern kann auf Grundlage dieser Daten geholfen werden, schneller die Fahrpraxis der erfahrenen Kollegen zu erreichen. Die neuesten Systeme sind dabei auch in der Lage zu unterscheiden, ob das Fahrzeug im Flachland, in den Bergen oder im Baustellenbetrieb eingesetzt ist.

Über die Frische der Lebensmittel brauchen wir uns ebenfalls keine Sorgen mehr zu machen. Ein Trackingsystem prüft permanent die Temperatur in den Kühlaufliegern und garantiert so eine lückenlose Kühlkette über den gesamten Transportzeitraum.

An die Verfügbarkeit der beschriebenen Systeme werden extrem hohe Anforderungen gestellt. Logistik findet heute 24 Stunden an 7 Tagen in der Woche statt. Das Jahr hat 8760 Stunden, eine Zuverlässigkeitsrate von 99,9% bedeuten immer noch über 8 Stunden Stillstand – ein ganzer Arbeitstag. Ich will mir lieber nicht den Stau vorstellen, den die LKW während dieser Zeit verursachen.

Natürlich hört der Einsatz von modernen Datenverarbeitungssystemen nicht bei der Fahrzeugdisposition auf. Alle geschäftlichen Prozesse in der Spedition, die Rechnungslegung, Kreditoren- und Debitorenverwaltung, Gehaltszahlungen usw. greifen ineinander und bauen auf der gemeinsamen Datenbasis auf. Die Controlling-Abteilung wurde erst vor kurzer Zeit verstärkt, um die Menge der Daten noch zielgerichteter zur Optimierung der Geschäftsprozesse auswerten zu können.

Ich war nach diesem Tag sehr beeindruckt, von „alter Industrie“ kann keine Rede sein. In der Logistik werden heute hochmoderne System eingesetzt, die einer ständigen Anpassung und Weiterentwicklung unterliegen. Mercedes hat auf der gerade beendeten IAA Nutzfahrzeuge die Studie eines Trucks vorgestellt, der ohne Fahrer bewegt werden könnte.

So alt wie das Transportgewerbe ist, hier gibt es ganz viel Potential für Menschen, die sich für Technik interessieren und etwas bewegen wollen.

Neue Ideen sind im harten Wettbewerb immer gefragt. Ein guter Programmierer oder Systembetreuer kann hier mehr bewegen, als einen weiteren Internet-Shop zu gründen und die Menschen vor Glück schreien zu lassen. Wobei, da muss ja dann auch wieder Ware transportiert werden ….

2 thoughts on “„Alte Industrien“ – Die Logistik zählt bestimmt nicht dazu!

  1. In den Medien wurde in den letzten Monaten viel über mögliche negative Auswirkungen durch den Mindestlohn berichtet.
    Nach dem Jahreswechsel gab es mehrfach Berichte, dass ausländische Speditionen ihre Fahrer ebenfalls nach dem gesetzliche Mindestlohn bezahlen müssen, wenn sie durch Deutschland fahren. Der DGB startete sogar eine Informationskampagne, um die betroffenen Fahrer auf ihre Rechte aufmerksam zu machen.
    Ich denke, dass die deutschen Speditionen diese Regelung begrüßen. Damit wird doch bestimmt Wettbewerbsdruck abgebaut?!
    Schade, dass bisher über diesen Aspekt bei der Einführung des Mindestlohnes nicht berichtet wurde.

  2. Mit einigem Unverständnis habe ich zur Kenntnis nehmen müssen, dass die von mir am 13. Januar beschriebene Regelung von der Bundesregierung schon wieder aufgeweicht wurde (bei Transitfahrten muss der Mindestlohn nicht mehr gezahlt werden).
    Ist die Politik nicht in der Lage, ein rechtssicheres Gesetz auf den Weg zu bringen?!?

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