Der Mythos vom perfekten Bewerbungsanschreiben

Muster Bewerbungsanschreiben

Muster Bewerbungsanschreiben

In meinem Beitrag der vergangenen Woche hatte ich geschrieben, dass ich den Lebenslauf für das wichtigere Dokument gegenüber dem Bewerbungsanschreiben halte und das in dieser Woche begründen werde.

Bevor ich im Jahr 2003 meine Tätigkeit im Personalwesen begann, war auch ich der Meinung, dass das Anschreiben der wichtigste Punkt in einer Bewerbung ist. Ich habe viel Zeit und Mühe darauf verwandt, es in meinen Augen so perfekt wie möglich zu gestalten. Wie viele andere habe ich gehofft, mit tollen Formulierungen und ausführlichen Begründungen die entscheidende Person von meinen Qualifikationen für die Position überzeugen zu können.

Als ich dann selber die Bewerbungsmappen in die Hand bekam und die Entscheidung über den Verbleib im Bewerberkreis treffen musste, merkte ich, dass ich mir immer zuerst den Lebenslauf durchgelesen habe. Und aus der Unterhaltung mit vielen Kollegen aus der Branche habe ich gemerkt, dass ich mit diesem Vorgehen nicht allein dastehe. Wir alle suchen zuerst im Lebenslauf nach den Schlüsselwörtern, von denen wir wissen, dass sie für die erfolgreiche Stellenbesetzung entscheidend sind. Sind diese im CV nicht zu finden, dann hat es der Bewerber ganz schwer.

Ich glaube, den Bewerbern ist oft mehr oder weniger deutlich bewusst, wenn sie nicht die „erste Wahl“ für die Position sind. Daher versuchen sie in diesem Fall, meist mit vielen Worten, zu erläutern, warum sie doch der geeignete Bewerber für den Traumjob wären. Mehr oder weniger nachvollziehbare Verbindungen aus ihrer beruflichen Praxis zu dem geforderten Tätigkeitsbild werden hergestellt und erzielte Erfolge hervorgehoben. Aber leider sind diese Bemühungen wenig erfolgsversprechend. Sie provozieren eher das Gegenteil. Ihr Gegenüber wird misstrauisch und denkt sich, „warum erklärt der Bewerber mir soviel?“. Ein passender Kandidat spricht mit seinen Qualifikationen und Erfahrungen für sich. Ich wiederhole mich hier gern – das Unternehmen braucht Sie als Mitarbeiter, der sich schnell und selbständig in die Aufgabe einarbeiten und ins Unternehmen einfügen kann.

Warum hält sich dann der Mythos vom alles entscheidenden Bewerbungsanschreiben so lange?

Einmal ist es eine verständliche Reaktion von uns Menschen – dass Anschreiben ist die erste Seite einer Bewerbung, da möchte man sofort einen guten Eindruck hinterlassen. Das sollten Sie auch – Form, Schriftbild und Sauberkeit müssen unbedingt dieses gewünschte positive Bild vermitteln.

Einen weiteren Grund sehe ich aber auch, wie in einer Marktwirtschaft nicht verwunderlich, in wirtschaftlichen Interessen. Um die Bewerberberatung herum werden sehr viele Dienstleistungen angeboten. Und da ist es verständlich, dass die Notwendigkeit von Hilfe betont wird, um die vermeintlich so hohen Hürden zu meistern. So stieß ich z.B. vor einigen Tagen auf eine Webseite, die das Schreiben von Bewerbungsunterlagen anbietet. Prinzipiell nicht schlecht. Ich war nur etwas über die Zeitplanung für ein Anschreiben verwundert. Dem Interessenten wurde vermittelt, er solle dafür mindestens 4 Tage einplanen. Entsprechend hoch war dann auch der Preis für diese Dienstleistung angesetzt.

Bis zu diesem Punkt habe ich viel darüber geschrieben, warum ein Bewerbungsanschreiben nicht ganz so wichtig sei. Ich möchte Ihnen jetzt aber auch 12 meiner Erfahrungen vermitteln, die Ihnen helfen können, mit Ihrem Anschreiben die Wirkung Ihrer gesamten Bewerbung zu unterstützen.

1. Wie schon beschrieben, ist das Anschreiben das „Eintrittstor“ zu Ihrer Bewerbung. Und wie immer im Leben ist der erste Eindruck eine Grundlage für den späteren Erfolg. Daher müssen Form und Rechtschreibung stimmen.

2. Ihr Gegenüber muss mit einem Blick erkennen, auf welche Stelle Sie sich bewerben. In größeren Unternehmen und bei den Personaldienstleistern laufen ständig verschiedene Bewerbungsprozesse parallel. Daher sollten Sie in einer Betreffzeile die Stelle nennen. Ist in der Anzeige eine Kontaktperson genannt, sprechen Sie diese direkt an. Im anderen Fall nutzen Sie die Formulierung „Sehr geehrte Damen und Herren“

3. Ich glaube, heute nutzt jeder Bewerber einen Computer zum Schreiben und damit auch Vorlagen bzw. vorhandene Bewerbungsschreiben. Was Ihnen nie, aber auch wirklich niemals passieren darf – Sie versenden ein Anschreiben mit Daten aus einer anderen Bewerbung!! Verständlicherweise disqualifizieren Sie sich dadurch in den Augen des Entscheiders als Kandidat für die gewünschte Position.

4. Schreiben Sie nicht zuviel. Ein Anschreiben sollte nie länger als eine A4-Seite sein. Wenn Sie es nicht schaffen, Ihren Inhalt auf dieser einen Seite zu platzieren, fangen Sie nochmals von vorn an. Sie sind dann wahrscheinlich in die Falle gelaufen und haben schon wieder zuviel erklären wollen.

5. Verfallen Sie aber auch nicht in das andere Extrem und beginnen, „Standardanschreiben“ zu versenden. Der Personalreferent muss den Eindruck gewinnen, dass Sie sich speziell mit der Position beschäftigt haben und sich ganz explizit darauf bewerben.

6. Formulieren Sie Ihren Text so, dass Sie damit Selbstsicherheit und Selbstbewusstsein ausstrahlen. Auch wenn Ihnen nach einem langen Bewerbungsmarathon das „Wasser schon bis zu  Halse steht“, der Leser Ihres Anschreibens darf davon nichts merken.

7. Treten Sie aber auch nicht zu selbstbewusst auf. Ich konnte schon Bewerbungsanschreiben lesen, in denen der Kandidat wörtlich oder  im Kontext behauptete, der Idealkandidat für das Unternehmen zu sein. Diesen Eindruck muss die entscheidende Person beim Lesen Ihrer Bewerbung selbst bekommen. Sie rufen eher eine Gegenreaktion hervor – man sucht danach, was Ihrer Behauptung entgegensteht. Das ist nicht unbedingt gegen Ihre Person gerichtet, sondern eine menschliche Reaktion. Vielleicht empfinden Sie wie ich, ich mag z.B. keine Filme, in denen die Dialoge die Handlung erklären – ich will selber darauf kommen.

8. Äußern Sie sich nicht negativ über ehemalige Arbeitgeber, einzelne Personen oder Ihre Situation. Das lässt Sie wenig souverän erscheinen und wird negativ gewertet.

9. Nennen Sie keine Referenzen im Anschreiben. Seien Sie auch mit der Nennung der Namen von Personen, die Ihnen die Stelle empfohlen haben, vorsichtig, tun Sie dies nur mit deren Zustimmung. Beziehungen und Abhängigkeiten innerhalb von Unternehmen können ein sehr diffiziles Geflecht sein, in dem Sie sich noch nicht auskennen.

10. „Verschießen“ Sie nicht schon Ihre besten Argumente im Abschreiben, heben Sie sich diese für den direkten Kontakt (Telefoninterview, Vorstellungsgespräch) auf. Dort können Sie diese wirkungsvoller einsetzen und Sie merken an der Reaktion Ihrer Gesprächspartner, ob diese ebenso positiv gesehen werden, wie Sie vermuten.

11. Sollte es „Schwachstellen“ in Ihrem Lebenslauf geben, weisen Sie den Leser nicht auch noch darauf hin. Das können zum Beispiel längere Zeit von Arbeitslosigkeit oder häufige Tätigkeitswechsel sein. Auch hier gilt, Sie können in einem persönlichen Gespräch viel besser reagieren und die Diskussion dazu beeinflussen. Sie sehen, ob und wie Ihre Argumente angenommen werden und haben die Chance, „nachzusteuern“.

12. Meist enden die Anzeigen mit einem Satz wie „wir bitten um die Angabe Ihres frühestmöglichen Eintrittstermins und Ihrer Gehaltsvorstellungen“. Sind Sie sich in Ihren Gehaltsvorstellungen unsicher und es wird nicht explizit danach gefragt, dann nennen Sie diese auch nicht. Trotzdem müssen Sie sich natürlich schon Gedanken darüber machen. Kommen Sie in die engere Wahl und man lädt Sie zu einem Telefoninterview ein, werden Sie bestimmt danach gefragt. Werden die Gehaltsvorstellungen jedoch wie oben beschrieben gefordert, dann müssen Sie auch „Farbe bekennen“. Umgehen Sie die Beantwortung, signalisieren Sie damit Unsicherheit und schwächen Ihre Verhandlungsposition.

Ich bin mir sicher, wenn Sie diese Regeln berücksichtigen, haben Sie eine gute Grundlage für alle weiteren Schritte im Bewerbungsprozess gelegt.

In der kommenden Woche schreibe ich zu einem sehr emotional diskutierten Thema, dem Bewerberfoto. Gehört es zu einer Bewerbung oder kann es weggelassen werden? Hilft es oder vermindert es meine Chancen?

Bis dahin wünsche ich Ihnen wie immer eine erfolgreiche Woche und

  „Scheitern ist keine Option!“

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