Der elektrische Schwingkreis im Sprachunterricht

Integration Arbeitsmarkt

Was haben Sie gedacht, als Sie mein Beitragsfoto gesehen haben?

Bestimmt nicht, dass ich es nach 7 Wochen Unterricht in meinem Sprachkurs für Ausländer aufgenommen habe.

Aber keine Angst. Ich werde jetzt weder ein „Hohelied auf die ausländischen Fachkräfte“ singen noch davon berichten, dass sie nicht arbeiten wollen oder können.

Diese Woche ist es genau 3 Monate her, dass ich einen Kurs „Sprachausbildung mit Berufsorientierung“ übernommen habe.

Ein guter Zeitraum, um eine erste Bilanz zu ziehen.

Für mich war es eine unheimlich spannende Zeit. Jeder Tag war mit Lernen verbunden. Für die Schüler wie für mich als Lehrer.

Ich hatte mir das Ziel gesetzt, möglichst schnell die Schüler meiner Klasse mit den praktischen Fragen des Lebens in Deutschland vertraut zu machen. Besonders mit dem Arbeitsleben, dem Thema, dem ich auch diese Webseite widme. Ich wollte keinen „Klassenzimmer-Sprachunterricht“ anbieten. Ich bin der Meinung, dass man „im TUN“ am schnellsten eine Sprache erlernen kann.

Nach den ersten Wochen habe ich gemerkt, dass ich etwas „Gas rausnehmen“ muss. Ohne die Vermittlung einfacher grammatikalischer Grundlagen geht es nicht. Aber wie sagte schon ein ehemaliger Vorgesetzter gern:

In der ersten Woche schwebte ich etwas auf einer Wolke.

Alle meine Schüler machten einen hochmotivierten Eindruck. Durch ihre Fragen hatte ich das Gefühl, sehr schnell über die einfachen Grundlagen hinausgehe zu können.

So habe ich sofort das Joblexikon auf meiner Webseite eingerichtet. Dazu den Sprachschülern das Angebot gemacht, mit meiner Technik einen Youtube-Kanal zu gründen, damit Sie aus ihren Erfahrungen heraus ihren Landleuten beim schnelleren Lernen helfen können.

Ich muss zugeben, ich war schon enttäuscht, dass ab der zweiten Woche die Begeisterung etwas nachließ. Das meine Impulse nicht so aufgenommen wurden, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Ganz schwierig war und ist es, Näheres über ihre Wünsche und Ziele zu erfahren.

Ich wollte sehr schnell wissen, was sie für Kenntnisse mitbringen, um ihnen bei der Suche nach neuen beruflichen Perspektiven helfen zu können. Immer mit meiner Vorstellung verbunden, dass sie sich dann auf die entsprechenden Sprachkomplexe „stürzen“ würden.

Aber so schnell wie gewünscht bin ich nicht vorangekommen.

Die Hindernisse:

Natürlich die Sprachbarriere

Aber das war es nicht allein.

Die Ausbildungen sind nicht miteinander vergleichbar.

(Damit meine ich nicht irgendwelche bürokratischen Zeugnis-Beglaubigungen. Ich habe in meiner Praxis als Personalvermittler die Erfahrung gemacht, dass die „gelebten“ fachlichen, kommunikativen und sozialen Kenntnisse entscheiden. Durch beschriebenes Papier lassen sich Unternehmer bei ihren Personalentscheidungen nicht beeindrucken.)

Die Vorstellungen über ein modernes deutsches Unternehmen mit streng getakteten Abläufen sind nicht vorhanden.

Auch musste ich erfahren, dass die „Spreizung“ der anwendungsbereiten Kenntnisse

in den Herkunftsländern viel größer ist, als ich es mir bisher vorstellen konnte. (Unser Schulsystem ist also doch nicht so schlecht, wie es oft gemacht wird.) Das Tafelbild auf dem Beitragsfoto wurde von einem syrischen Physiklehrer entwickelt. Er hat eine super Ausbildung erhalten und praktische Lehr-Erfahrungen.

Natürlich ging es mir in dieser Übung nicht um den elektrischen Schwingkreis. Wir haben Aufforderungssätze geübt:

  • bitte kommen Sie an die Tafel,
  • schreiben Sie,
  • malen Sie,
  • rechnen Sie …

Ein entgegengesetztes Beispiel: Ein junger Mann hat 4 Klassen der Grundschule in einem syrischen Dorf besucht. Danach hat er im Familienbetrieb täglich 11 Stunden als Schneider gearbeitet. Ich wußte bisher, dass er kein Englisch spricht. (Wir nutzen diese Sprache im Unterricht gern als „Brückensprache“, um schneller voranzukommen.) Bei ihm ging es entsprechend langsamer voran. Aber erst in dieser Woche habe ich erfahren, dass er auch nicht Arabisch schreiben kann.

Inzwischen haben wir ein so vertrauensvolles Verhältnis, dass ich die Frage stellen konnte:

„Was wird denn in den vier Jahren in der Schule gelehrt?“

Die Antwort: In den Dorfschulen ist der Unterricht oft so schlecht, dass nichts beim den Schülern „hängen bleibt“. Ich glaube fest, dass er ist ein super Schneider ist. Aber leider ist das eine Branche, die in Deutschland so gut wie ausgestorben ist.

Für ihn wird es sehr schwer werden, auf unserem Arbeitsmarkt „anzukommen“.

Soweit meine Praxiserfahrungen zur gelebten Integration.

Ich bin sehr froh, dass ich diese Aufgabe übernehmen konnte und dankbar für die Erfahrungen.

Aber was bedeuten diese Erfahrungen für die Zukunft unseres Arbeitsmarktes?

Mit welchen Veränderungen werden Sie als deutschen Bewerber zukünftig rechnen müssen?

Dazu schreibe ich im folgenden Artikel.

PS: Die Artikel werden jetzt wieder in kürzeren Abständen erscheinen. Ich mußte in den vergangenen Wochen viel deutsche Grammatik lernen. Als Schüler haben ich nicht verstanden, wofür ich diese brauche: „Ich spreche doch Deutsch!“ – Hätte ich nur auf meine Lehrer gehört 🙂

6 thoughts on “Der elektrische Schwingkreis im Sprachunterricht

  1. Sehr geehrter Herr Hauenschild,
    vielen Dank für den Bericht aus erster Hand.
    Ihnen viel Erfolg und Freude bei der weiteren Arbeit.
    Viele Grüße
    Jörn Peters

  2. Lieber Detlev Hauenschild,

    So klare Worte sind erfrischend. Zu wissen wo angesetzt werden muss, nichts verschleiert wird jedoch ungebremst angepackt wird. Ich hoffe, dass auf facebook dieser Artikel von bestimmten Teilnehmern gelesen wird.
    Mit Grüßen
    Brigitte

    1. Liebe Brigitte Stürmer,
      vielen Dank für die positive Einschätzung. Ich bin immer ein Freund von Tatsachen. Es soll weder etwas beschönigt noch schlecht geschrieben werden. Wenn der Artikel dabei hilft, freue ich mich sehr!

      Detlev Hauenschild

  3. Lieber Kollege Hauenschild,
    seit gerade mal einem Monat bin ich Klassenlehrer an einer Berufsschule aktiv mit Flüchtlingen im Alter von 16-21 Jahren, aus Syrien, Somalia, der Elfenbeinküste, Palästina.. in den „Fächern“ PDL (persönliche Dinge des Lebens: darunter verbirgt sich eigentlich alles, was ich zu vermitteln weiß), plus beruflicher Orientierung, unterwegs.
    Meine bisher wichtigste und schönste Erfahrung die ich bis heute gemacht habe ist, dass es mir wahnsinnig viel Freude und Spass macht mit diesen jungen Männern zu arbeiten. Mit einem Lächeln nähern wir uns auch ohne Sprachkenntnisse täglich der Deutschen Sprache immer mehr an. Meine ersten beruflichen Vermittlungen in geeignete Werkstätten und anschließender Reflexion haben schon stattgefunden….
    Herzlichen Gruß
    Georg Schröder

    1. Lieber Herr Schröder,
      es ist eine große Befriedigung, konkret helfen zu können. Wenn ich mir auch oft wünsche, dass es noch schneller gehen müsste und die gebotenen Chancen noch entschlossener genutzt werden.
      In meinem Beitrag habe ich geschrieben, dass ich z.B. gern einen Video-Kanal gegründet hätte. Ich bin jetzt auf ein sehr gutes Angebot gestoßen. Isabella und Abir erklären „Deutschland für Anfänger“ https://www.youtube.com/watch?v=cK9y7eKhlko
      Sehr informativ und sympathisch gemacht, unbedingt weiterempfehlen!

      Eine gute Woche mit Ihren Schülern!
      Detlev Hauenschild

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