Der elektrische Schwingkreis im Sprachunterricht Teil 2

 Guten Morgen meine Herren

Gestern begann der Tag in der Sprachschule mit einer sehr schönen Überraschung.

Nur 4 Worte:

„GUTEN MORGEN MEINE HERREN“

Wenn man weiß, dass diese Worte von einem Menschen geschrieben wurden, der sie nicht in seiner eigenen Sprache schreiben kann, dann muss man erstmal schlucken.

Angeschrieben hatte die Worte der junge Schneider, über den ich im Teil 1 meines Artikels berichtet hatte. Er lernt zuerst in einer ihm fremden Sprache schreiben!!

Was hat dieses kleine Erlebnis für Sie als deutschen Bewerber für eine Aussage?

So sehr ich mich über den Fortschritt meines Schülers gefreut habe: Ich bleibe dabei – der Weg für die meisten Flüchtlinge in den deutschen Arbeitsmarkt wird sehr lang sein. Ich denke, jeder der in der Praxis der Flüchtlingsbetreuung steht, wird mir zustimmen:

Diese Menschen sind keine „Bedrohung“ für den deutschen Bewerber im qualifizierten Bereich. (Ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass kein Politiker mehr von einer „Fachkräfte-Zuwanderung“ spricht?!)

Sollten ausländische Arbeitnehmer Spezialkenntnisse mitbringen, werden diese dringend gesucht. Entsprechende offene Stellen konnten dann bisher auch nicht mit deutschen oder EU-Bürgern besetzt werden. Ein Beispiel:

Aus der Presse habe ich erfahren, dass ein syrischer Arzt im „Lausitzer Seeland Klinikum“ Hoyerswerda eine ausgezeichnete Arbeit leistet. Dort sollen aber auch bisher schon fast die Hälfte der Ärzte nicht-deutscher Herkunft sein.

In niedrig-qualifizierten Arbeitsbereichen

könnten viele Flüchtlinge schon viel eher ihre berufliche Karriere in Deutschland starten. Aber auch hier hat der motivierte und arbeitswillige deutsche Bewerber auf absehbare Zeit noch deutliche Vorteile. Auch bei diesen Aufgaben ist eine schnelle und unkomplizierte Kommunikation ganz wichtig. Es macht meiner Meinung nach daher auch keinen Sinn, am Mindestlohn „herumzudoktern“. Wenn die Arbeit aufgrund von Kommunikationsproblemen „nicht rollt“, wiegt dass auch ein eingesparter Euro nicht auf.

Noch eine weitere Beobachtung habe ich gemacht:

Der Erwerb von in Deutschland alltäglichen Eigenschaften wie Pünktlichkeit und Ausdauer sind auch ein Prozess. Ich habe bei Betriebsbesichtigungen und in Gesprächen den Endruck gewonnen, dass unsere neuen Mitbürger  bisher keine Vorstellungen davon hatten, wie hochorganisiert und eng getaktet die Prozesse in unseren Unternehmen sind. Die daraus folgenden Anforderungen an den Mitarbeiter (egal welcher Qualifikationsstufe) sind viel höher, als die meisten Ausländer es aus ihrem bisherigen Arbeitsumfeld gewohnt sind.

Noch ein dritter Punkt verzögert die Integration – die unklaren beruflichen Vorstellungen

Viele von ihnen möchten „etwas studieren“. Zum Teil auch Fachgebiete wie z.B. „Fotografie“. Nach solch einem Studium fällt es auch deutschen Absolventen sehr schwer, eine auskömmliche Anstellung zu finden.

Kenntnisse, welche Berufe

  • gefragt sind
  • realistisch zu erreichen sind
  • was man verdienen kann

sind kaum vorhanden.

Aber kann man es den Menschen vorwerfen? Sie kommen zu uns, werden versorgt und sind sich dann den ganzen Tag selbst überlassen. Um sie herum scheint alles in Ordnung zu sein und es herrscht auf dem ersten Blick ein hoher Wohlstand.

Mein Fazit:

Die zu uns gekommenen Menschen stehen vor den gleichen Problemen der Berufsorientierung wie viele deutsche Jugendliche auch. (Lesen Sie z.B. hierzu nochmals meinen Artikel vom 20. Februar.)

Sollte Sie für sich selbst schon die richtigen Karriere-Entscheidung getroffen haben, werden Sie auf absehbare Zeit keine Nachteile am Arbeitsmarkt fürchten müssen.

Und tritt dann ein Kollege mit einem anderen nationalen Hintergrund an Ihre Seite, werden Sie es als neugieriger Mensch genießen, mehr über andere Kulturen zu erfahren. Ich empfinde die Gespräche abseits der reinen Sprachvermittlung als hoch interessant.

Und sie weiten meinen Blick:

  • Deutsche Produkte haben einen hervorragenden Ruf im Ausland. Das sollte uns aber nicht dazu verführen, uns auf „den Lorbeeren auszuruhen“.
  • So habe ich Menschen aus dem Iran kennengelernt. Wir sollten dieses Land nicht unterschätzen! Gerade nachdem die Sanktionen jetzt aufgehoben wurden und bei einer weiteren Lockerung des politischen Systems kann sich eine moderne Industriemacht entwickeln. Hier ein erster Eindruck:

PS: Passend zu meinen Ansichten bezüglich der Entwicklung Irans hat die Sächsische Zeitung einen Artikel veröffentlicht. Wegen des großen Zeitungsformates musste ich 4 Dateien scannen: Artikel Iran SZ Teil 1 , Artikel Iran SZ Teil 2 , Artikel Iran SZ Teil 3 , Artikel Iran SZ Teil 4

6 thoughts on “Der elektrische Schwingkreis im Sprachunterricht Teil 2

  1. Hallo Herr Hauenschild,
    kompliment für Ihren Artikel. Ich teile Ihre Sichtweise und mache ähnliche Erfahrungen.
    Meinen Unterricht versuche ich so zu gestalten, dass der Weg in den deutschen Arbeitsmarkt ein möglichst kurzer wird. Für die Schüler, auch wenn ihre Deutschkenntnisse nach 4 Wochen Schulunterricht noch sehr dürftig sind, vermittle ich schon früh, entsprechend ihren „ersten“ beruflichen Interessen, an einem Tag/Woche, in eine unserer Schul-Werkstätten. Anschließend reflektieren wir gemeinsam mit der Klasse die Praxiserlebnisse. Auffallend ist hier sichtlich die Begeisterung der meisten Schüler, genauso wie die Rückmeldung meiner Werkstattkollegen. Einige korrigieren so auch schon früh ihren Berufswunsch und probieren etwas anderes aus. Dieser hier begonnene Prozess ähnelt doch sehr dem unserer deutschen Schüler.
    Deutsche Arbeitstugenden, wie Fleiss/Ausdauer und Pünktlichkeit können so schon parallel zum Deutschunterricht in der Klasse vermittelt/erfahren werden. Wenn es uns gemeinsam gelingt, die besondere Motivation und den entsprechenden Arbeitswillen unserer neuen Bald-Mitbürger zu erhalten/fördern und dann auch noch einen ihnen und unserer beruflichen Praxis angepassten Einarbeitungsprozess zu entwickeln (da bin ich dran), sehe ich für sie keinen Nachteil gegenüber unseren deutschen, motivierten und arbeitswilligen Bewerbern. Hier sind auch unsere Unternehmerinnen und Unternehmer ähnlich gefordert und sollten ins Boot geholt werden, wie schon bei der „neuen“ Zielgruppe 50+.
    Herzlichen Gruß
    Georg Schröder

    1. Hallo Herr Schröder,

      vielen Dank für Ihren sehr ausführlichen Erfahrungsbericht. Leider stehen mir nicht unmittelbar Schulwerkstätten zur Verfügung. Ich teile Ihre Meinung, dass ein möglichst nahtloser Prozess vom Empfang in Deutschland über den Sprachunterricht hin zur Berufswahl/-ausbildung organisiert werden muss.

      Ich wünsche Ihnen ein schönes Osterfest!
      Detlev Hauenschild

  2. Hallo Herr Hauenschild,

    mit einem Deutsch-Einstiegstest konnte ich sehr schnell feststellen, dass ich es in meiner Klasse mit 3 Niveaustufen, ähnlich wie bei Ihnen, (wie sie es auf meinem Schaubild abgebildet sehen können) zu tun habe. Den Deutschunterricht biete ich darum entsprechend den Leistungsgruppen differenziert an, ohne die Klasse offiziell aufzuteilen. Jede Gruppe wird von mir individuell beschult/betreut. Ähnlich dem Klassenverbund einer Dorfschule unterstützen die Schüler sich untereinander, die Klasse bleibt so zusammen. Die persönlichen Dinge des Lebens PDL, biete ich im Unterricht der gesamten Klasse an.
    Die schon Fortgeschrittenen (Abiturienten, Studenten..) fühlen sich so nicht unterfordert und die anderen (auch wie bei Ihnen sind Analphabeten etc., dabei) -überfordert. So kann ich aus den Niveaustufen heraus, den einen oder anderen Schüler schon früh mit der beruflichen Praxis konfrontieren. Das motiviert die anderen.
    Viel Erfolg
    Georg schröder

    1. Hallo Herr Schröder,

      die Arbeit in Leistungsgruppen betrachte ich als ideal, aber auch extrem anspruchsvoll für den Lehrer. Vielleicht können Sie zu Ihren diesbezüglichen Erfahrungen einen Gastartikel schreiben?!

      Ich würde mich sehr freuen!
      Detlev Hauenschild

  3. Hallo Herr Hauenschild,
    z.Z. bemühe ich mich ein „Unterstützer-Netzwerk-Projekt“ für unsere Zielgruppe aufzubauen. Meine Altersgenossen 60+ könnten, bei persönlicher Eignung, als Coach/bzw. Paten, jeweils einen Flüchtling z.B. in eine berufliche Ausbildung begleiten. Firmen, die Agentur für Arbeit, die Schule, soziale Träger…sollten in diesem Verbund ihren speziellen Beitrag leisten. Eine arbeitsintensive Aufgabe…,
    Vielleicht komme ich später auf Ihre Gastartikel-Anregung zurück.
    Viele Grüße
    Georg Schröder

    1. Hallo Herr Schröder,

      den zeitlichen Aufwand bei der Organisation des Netzwerkes kann ich gut nachvollziehen.

      Viel Erfolg dabei!!
      Detlev Hauenschild

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