Das Vorstellungsgespräch – Teil I

Türschild Vorstellungsgespräche

 

Noch vor 10 Jahren war der tägliche Gang eines Bewerbers zum Briefkasten mit Aufregung verbunden. Enthielt der Kasten einen A4-Umschlag, war der Tag gelaufen: wieder eine Absage, die Unterlagen wurden zurückgeschickt.
Blitzte dagegen ein schmaler Umschlag zwischen den Zeitungen hervor, war in der Regel einen Einladung für ein Vorstellungsgespräch enthalten.

Endlich! Man war im engsten Kreis der Bewerber!

Heute hat zwar die E-Mail die Rolle des Boten übernommen, die Freude ist aber geblieben.

Engster Kreis – was bedeutet das?

Selten werden mehr als 5 Kandidaten eingeladen. Oft sind es nur 3 Bewerber, bei schwierig zu besetzenden Positionen freuen sich die Verantwortlichen auch schon mal über 2 präsentable Kandidaten.

Sollten Sie doch merken, dass an Ihrem Vorstellungstag deutlich mehr Gespräche geführt werden, lassen Sie sich nicht verunsichern. Aus organisatorischen Gründen innerhalb der Unternehmen werden häufig die Gespräche zu verschiedenen laufenden Ausschreibungen an einem Tag zusammengefasst. Falls Sie im Wartebereich auf andere Bewerber treffen, können Sie dass ja schon mal ausloten.

Verständlicherweise ist die Anspannung vor einem Vorstellungsgespräch groß. Wenn Sie es soweit geschafft habe, möchten Sie natürlich nicht als „zweiter Sieger“ vom Platz gehen.

Betrachten Sie das erste Vorstellungsgespräch als eine Art Rendezvous.

Beide Partner kennen sich aus dem Briefwechsel, man hat auch schon mal miteinander telefoniert. Aber die Aussagekraft eines persönlichen Gespräches ist durch nichts zu übertreffen. Schließlich soll es ja eine langjährige Beziehung werden.

Ihre Gesprächspartner sind gespannt, welchen Menschen sie kennenlernen. Unwillkürlich vergleichen sie dabei zwischen Ihrer „Papierform“ und Ihrem realen Auftritt.

Ich wiederhole mich daher an dieser Stelle gern: es ist wenig sinnvoll, sich auf dem Papier zu „tunen“ oder sogar viel Geld für einen externen Dienstleister dafür auszugeben. Wenn das Unternehmen einen Menschen erlebt, der so gar nicht den aufgebauten Erwartungen entspricht, waren Zeit und Mühe umsonst.

Viel schwerer wiegt eventuell die psychologische Last, die Sie sich aufbürden. Sie haben große Hoffnungen in den Termin gesetzt und merken recht schnell, dass man enttäuscht von Ihnen ist. Das daraus folgende Misserfolgserlebnis belastet Sie in nachfolgenden Vorstellungsgesprächen.

Natürlich kann immer nur einer siegen, rein rechnerisch liegen Ihre Chancen jetzt zwischen 20 und 33 %. Wenn Sie aber einen überzeugenden Auftritt hatten, sich selbst wohlgefühlt haben, dann werden Sie mit einem ganz anderen Selbstbewusstsein in kommende Vorstellungsgespräche gehen. Wenn Sie als Persönlichkeit überzeugen konnten, bietet man Ihnen eventuell auch eine alternative Position im Unternehmen an.

Wie bei einem Rendezvous werden aber auch Sie einen Eindruck vom möglichen Partner erhalten.

Ein Vorstellungsgespräch ist keine Einbahnstraße: Das Unternehmen muss sich ebenso bei Ihnen bewerben. Abhängig von der Dringlichkeit Ihrer Stellensuche und gerade bei der verbesserten Arbeitsmarktlage sind auch Sie in der Situation, auswählen zu können.

Achten Sie also darauf , was ihnen am Unternehmen und an den Personen gefällt oder abstößt:

  • Welchen Gesamteindruck (optisch wie „klimatisch“) haben Sie beim Eintreten?
  • Deckt sich dieser Eindruck mit den Erwartungen aus dem Internetauftritt?
  • Wie nehmen Sie die Mitarbeiter wahr? – Treten diese entspannt auf oder wirken sie gestresst?
  • Beginnt das Gespräch pünktlich und sind alle angekündigten Personen anwesend?
  • Sind die Gesprächspartner vorbereitet und während des Gespräches „voll bei der Sache“?
  • Behandelt man Sie wertschätzend oder wie einen Bittsteller?

Meiner Erfahrung nach folgen alle Vorstellungsgespräche einer ähnlichen Dramaturgie.

Man wird Sie aus dem Wartebereich ins Gesprächszimmer begleiten. Dort stellt man Ihnen den Teilnehmerkreis vor.

Über diesen Augenblick wurden wahrscheinlich schon so viele Bücher geschrieben, dass man ganze Regalwände füllen könnte – den ersten Eindruck. Ich habe mal gegoogelt, die Autoren geben Ihnen zwischen einer Zehntelsekunde bis zu 30 Sekunden, dann hat sich Ihr Gegenüber eine erste Meinung über Sie gebildet. Wenn Sie hier punkten, haben Sie eine gute Grundlage für Ihren späteren Erfolg gelegt.

Der Begrüßung schließt sich etwas „small talk“ an, den man in unserem Kulturkreis aber recht kurz hält. Der Moderator des Vorstellungsgespräches wird geschickt auf das eigentliche Thema überleiten. Wie in Deutschland üblich, haben alle auch die Uhr im Blick. 60 Minuten sind eine sehr übliche Dauer für ein erstes Vorstellungsgespräch.

In der Regel geht das Wort zuerst an Sie: Sie werden aufgefordert, Ihre beruflichen Entwicklung darzustellen und sollen daran anschließend Ihre Motivation für die ausgeschriebene Position begründen.

Das sollte Ihnen nicht schwerfallen. Schließlich ist es ja Ihr Leben. Und mit der Position, den Aufgaben und dem Unternehmen haben Sie sich nun schon seit einigen Wochen beschäftigt.

  • Sprechen Sie natürlich
  • Schauen Sie dabei abwechselnd alle Gesprächtsteilnehnmer an
  • Werden Sie nicht zu schnell!
  • Prahlen Sie nicht – reden Sie aber auch Ihre Verdienste nicht klein

Und ganz wichtig:

  • Keine Abweichungen zu Ihrem Lebenslauf!
  • Keine Widersprüche zum Telefoninterview!
  • Und nie über vorhergehende Arbeitgeber „herziehen“!

Wenn Sie flüssig sprechen und nicht abschweifen, lässt man Sie erfahrungsgemäß ausreden. Je unsicherer und widersprüchlicher Sie sich äußern, umso eher wird man Sie mit Zwischenfragen unterbrechen.

Nach Ihrem Auftakt leitet der Moderator in die Fragerunde der Beteiligten über. Ist die Atmosphäre gut, „öffnet“ sich das Gespräch und geht in einen Dialog über.

Hier können Sie zeigen, dass Sie ein höflicher, aber auch selbstbewusster Kandidat sind. Besonders, wenn Sie sich für „kommunikative“ Berufe beworben haben, müssen Sie an diesem Zeitpunkt auftauen und selbstsicher in das Gespräch einsteigen.

Bei fachlichen Themen kann es dann auch schon mal ans „Eingemachte“ gehen. Erschrecken Sie nicht, wenn Sie nach einer Formel gefragt werden oder eine Schaltung erläutern sollen. Antworten Sie mit fester Stimme. Wenn möglich, unterstützen Sie Ihre Aussage mit einer Skizze.

Sollten Sie hier stolpern, kann Sie das in Probleme bringen. Seien Sie hier ehrlich mit sich selbst: wenn man Sie nach Fakten gefragt hat, die man auf dem Fachgebiet „draufhaben muss“ und die für die Position wichtig sind – dann haben sie gepatzt.

Es kann aber auch sein, Ihre Gesprächspartner wollen nur ein Gefühl dafür bekommen, wie weit ihre Kenntnisse reichen und wie Sie mit einem neuen Problem umgehen können. Daher ist es besser, soweit Sie können, ehrlich zu antworten und dann selbstbewusst zuzugeben, dass sie mehr nicht wissen. Versuchen Sie nicht, abenteuerliche Vermutungen anzustellen. Man könnte auf die Idee kommen, Ihnen noch weitere Lücken nachweisen zu wollen.

Nutzen Sie immer wieder passende Stichworte, um Ihre Fragen anzubringen.

Sie kommen so aus der defensiven Rolle heraus. Ich denke, auch Sie wünschen sich ein Unternehmen, welches den informierten und selbstbewussten Mitarbeiter schätzt.

Sie sollten auf jeden Fall Fragen vorbereitet haben. Haben Sie diese notiert, signalisieren Sie damit, wie wichtig diese für Sie sind.

Vielleicht wurden diese Fragen im bisherigen Gesprächsverlauf schon beantwortet? Dann ist das ein Zeitpunkt, an dem Sie ihr kommunikatives Können beweisen. Sie müssen dann die Frage so formulieren, dass der Gegenüber nicht das Gefühl bekommt, sie arbeiten jetzt wie ein Roboter Ihren Fragenkatalog ab. Eindeutig geklärte Sachverhalte lassen Sie ganz weg, andere können Sie geschickt nachfragen. Bei einem lebendigen Gespräch sind aber bestimmt neue Fragen bei Ihnen entstanden, die Sie jetzt klären können.

Hier die 5 wichtigsten Fragen, sie sind zugleich ein Gradmesser für die Qualität des Ausschreibungsprozesses im Unternehmen:

  • Ist Ihnen die Arbeitsaufgabe jetzt vollkommen verständlich?
  • Gab es größere Abweichungen zwischen der Stellenbeschreibung und dem, was man Ihnen heute gesagt hat?
  • Ist klar, wem sie unterstellt sind; war diese Person anwesend?
  • Mit wem werden Sie zusammenarbeiten?
  • Sind Ihre Verantwortlichkeiten konkret beschrieben, wird das auch schriftlich fixiert werden?

Wenn man Ihnen diese Fragen zufriedenstellend beantwortet hat, ist ein großer und wichtiger Teil des Interviews bewältigt.

In den Vorstellungsgesprächen, die ich moderieren durfte, habe ich oft auch körperlich gespürt, dass zu diesem Zeitpunkt die Spannung etwas nachließ. Das ist eine gute Gelegenheit, die Runde etwas aufzulockern und frische Getränke anzubieten.

Auch für meinen Beitrag nutze ich diese Gelegenheit, um eine Pause zu machen und in der kommenden Woche mit dem spannenden Thema Vorstellungsgespräch fortzusetzen.

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